Vortrag für den Erfahrungsaustausch der Mitarbeiter/innen der kommunalen Jugendförderung des Hochtaunuskreises
10.03.10 im Jugendhaus Steinbach
Es bestehen größere Ungenauigkeiten in der Begrifflichkeit. Einigkeit gibt es in aller Regel nur bei den Auftraggebern: Streetwork hilft irgendwie, irgendwelche (sozialen) Probleme weg zu machen. Mobile Jugendarbeit (oder „Aufsucher“ etc.) ist dagegen eher so etwas, was unser Ministerpräsident gerne mal als „Kuschelpädagogik“ beschimpft – die sind halt nett zu den „Kleinen“. Dabei beschreibt beides eigentlich erst mal nur ein Formalie, nämlich, dass Soziale Arbeit nicht einfach irgendwo sitzt und auf „Klienten“ wartet, sondern auf Menschen zu geht, die aus unterschiedlichen Gründen als (potentiell) „hilfebedürftig“ begriffen werden können. Spannend wird es natürlich erst, wenn überlegt wird, wer weshalb welcher Hilfe bedarf. Diese Überlegung kann sich Soziale Arbeit aber nicht einfach von Auftraggebern aufoktroyieren lassen – dafür fehlt denen in aller Regel die Kompetenz und das Wissen. Vielmehr geht es hier um einen Aushandlungsprozess, dessen Ergebnisse nicht im Vorhinein fest stehen. Der „Arbeitsauftrag“ kann in diesem Verständnis nicht einfach mal klar formuliert und dann umgesetzt werden, sondern ergibt sich aus dem immer wieder neu auszubalancierenden Gleichgewicht zwischen den Interessen/ Anforderungen der Auftraggeber und den Möglichkeiten und Notwendigkeiten des Arbeitsfeldes. Für die Formulierung von Ersterem sind Politiker, Verwaltungsbeamte, Trägervertreter (unter Berücksichtigung der Öffentlichkeit) zuständig. Der zweite Teil kann nur von uns selber unter Kenntnis der und mit Verständnis für die Lebenssituation des „sozialarbeiterischen Gegenübers“ formuliert werden.
Um es konkret an dem Beispiel meines Arbeitsfeldes zu machen: Anfang der 90er Jahre wurden vom Frankfurter Jugendamt vier Kolleg_innen mit einem sehr unklaren Arbeitsauftrag auf die Straße geschickt: „Geht mal gucken, was Ihr in der Innenstadt für Jugendliche trefft und was Ihr mit denen machen könnt.“ Hintergrund war, dass die Stadt zwei Diskurse zusammengeführt hat:
- einerseits polizeiliche Berichte über eine zunehmende Anzahl von Raubstraftaten im Innenstadtbereich durch mehr oder weniger jugendliche Täter, die durch die Polizei nicht in den Griff zu kriegen seien
- andererseits fachliche Auseinandersetzungen an der Fachhochschule über „unversorgte Jugendliche“, zu denen das Jugendamt keinen Zugang habe.
Beide Diskussionen wurden auf einer Tagung „Jugend und Gewalt“ zusammengebracht und gleich einer Lösung zugeführt – und zwar durch die Einrichtung der Arbeitsgruppe „Streetwork Innenstadt“ und des „Sleep In“ als (damals) niedrigschwelliger Inobhutnahmeeinrichtung. Der Titel der Veranstaltung zeigt eine fachliche Stärke des damaligen Jugendamtes, das Verhältnis eben nicht einseitig zu Lasten der Jugendlichen aufzulösen und damit auch die Thematisierung gewaltförmiger (gesellschaftlicher) Erfahrungen von Jugendlichen zumindest zuzulassen. Gleichzeitig konnte die Stadtverwaltung Handlungsfähigkeit demonstrieren und die Probleme mit Polizei und Fachöffentlichkeit damit zu den Akten legen, ohne dass wirklich ernst zu nehmende Kosten entstanden wären.
Der – gelinde gesagt – vage formulierte Arbeitsauftrag hätte von anderen Kolleg_innen jederzeit anders gefüllt werden können. Vorstellbaren wären zum Beispiel Spielpädagog_innen, die die ausufernde Langeweile der Jugendlichen als zentrales Problem erkannt und Freizeitangebote entwickelt hätten (vom gemeinsamen Klettern als Erfahrung bis zum Mitternachtsfußball auf der Konstabler Wache). Oder Konfrontative „Pädagog_innen“, die Ihre Aufgabe in der Senkung von Reizschwellen und Entwicklung und Einübung von „alternativen Handlungsoptionen“ gesehen hätten. Beides hätte einigen der jungen Menschen sehr geholfen, da sowohl Langeweile wie auch begrenzte Möglichkeiten im Umgang mit Aggressionen für einige zentrale Probleme waren. Beide Angebote hätten dem Auftraggeber (mit den entsprechend aufgekochten pädagogischen Begründungen) vollkommen genügt – die Stadt kümmert sich ja. Wenn dann perspektivlose Jugendliche auch ohne Langeweile oder unter Kenntnis von anderen Formen des Umgangs mit Aggressionen weiterhin ihren Lebensunterhalt mit Raubstraftaten bestritten hätten, wären erstens die uneinsichtigen Klienten selber Schuld gewesen und zweitens wiederum für diese Polizei und Justiz gefordert gewesen.
Die Arbeitsgruppe wurde damals aus Ex-Jugendhausmitarbeiter_innen gebildet, die viele der Jugendlichen schon in ihren vorherigen Tätigkeiten kennengelernt hatten. Daher wußten die Kolleg_innen schon viel über die Biographien und Sozialisationsdefizite und erfuhren den Rest relativ schnell auf der Straße. Die „Langeweile“ und fehlende „Aggressionskontrolle“ erklärten sich so meist aus einer grundlegenden Perspektivlosigkeit innerhalb dieser Gesellschaft und massiven eigenen Gewalterfahrungen. In der Begleitung der Jugendlichen im ungeschützten Rahmen der Straße lernten die Kolleg_innen nicht nur eine Menge über die Kids und die rechtlichen Möglichkeiten, Grundlagen und Rahmenbedingungen des damals neu eingeführten KJHG, sondern entwickelten auch einen Arbeitsansatz, den wir später als „professionelle Nähe“ bezeichnet haben. Er beruht darauf, die Balance zwischen Nähe und Distanz nicht zu Gunsten einer angeblich notwendigen „professionellen Distanz“ zu entwerten, sondern in der Nähe der Beziehung zwischen Sozialarbeiter_in und Klient_in den professionellen Aspekt zu stärken. Im Sinne des professionellen Arbeitsauftrags haben die Klient_innen einen Anspruch darauf, dass wir die sozialarbeiterischen Handlungsmöglichkeiten für eine Erweiterung ihrer Handlungsspielräume und Verfügbarmachung von Ressourcen für die Klient_innen tatsächlich einsetzen. Hierzu müssen wir allerdings die individuelle und gesellschaftliche Situation der Klient_innen wahrnehmen und verstehen können, was nur geht, wenn wir ihre Erfahrungen ernst nehmen und ihnen auch wirklich zu hören.
Der besonders gute Zugang durch vorhergehende Kontakte und die Unmittelbarkeit der Straßensituation ermöglichten es so, die Gefährdung der (Entwicklung der) Klient_innen wahrzunehmen und damit eine grundlegende Situationsveränderung von sozial Ausgegrenzten zum Ziel der Arbeit zu machen. Als wesentliche Veränderungsoption ergaben sich aus der Ansiedlung der Arbeitsgruppe direkt im Jugendamt bei den „Ambulanten Diensten“ die Möglichkeiten der Jugendhilfe gemäß §§ 27ff KJHG. Diese Abwendung von „Gefährdungen für das Kindeswohl“ ist zentraler Arbeitsauftrag für jede Form von professioneller Jugendarbeit, spätestens aber noch einmal im § 8a KJHG festgeschrieben. Bei der Arbeit mit Menschen, die von anderen „Straßenkinder“ genannt werden, steht dieser Aspekt im Mittelpunkt, in anderen Arbeitsbereichen aufsuchender Arbeit muss das professionelle Ziel anders gefasst werden.
Steht die berufliche oder soziale Integration im Mittelpunkt der Arbeit, ergeben sich daraus ganz andere Anforderungen. Gemeinwesenarbeit macht für unsere einzelfallorientierte Arbeit z.B. nur sehr eingeschränkt Sinn, ist aber bei der Auseinandersetzung Mobiler Jugendarbeit mit der gesellschaftlichen Situation der von ihr erreichten Jugendlichen absolut notwendig. Die Gemeinsamkeit der unterschiedlichen Arbeitsformen, die in großen Teilen im unklaren und „ungeschützten“ Rahmen der Straße stattfinden, besteht darin, dass es einer permanenten zielorientierten Reflektion bedarf, um in den kaum bis gar nicht planbaren Situationen adäquat agieren zu können bzw. handlungsfähig zu bleiben. Insofern machen die auch durch die BAG Streetwork/Mobile Jugendarbeit festgehaltenen Standards, vom qualifizierten Personal über eine Mindestgröße von zweieinhalb Stellen bis zur Notwendigkeit von Reflektion sowohl im Team als auch extern begleitet in Supervision, um so mehr Sinn als sie nicht überall eingehalten werden.
-> als pdf hier
„Was leistet Mobile Jugendarbeit?“ Ein Porträt Mobiler Jugendarbeit in Baden-Württemberg, Broschüre des Ministeriums für Arbeit und Soziales, Mai 2005
Professionelle Nähe – auf Distanz zum Status quo, in: Widersprüche, Heft 100, Jg. 2006, S. 155-160
Streetwork ist Arbeitsmittel, nicht Arbeitsinhalt, Text für die Arbeitsberichte von WALK MAN und Crack-Street-Projekt Anfang 2004
Standards
formuliert von der BAG
und die Entsprechung in Österreich
Organisationen
Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Streetwork/Mobile Jugendarbeit
Die besonders gut politisch verankerte Landesarbeitsgemeinschaft in Baden-Württemberg
Die Landesarbeitsgemeinschaft Hessen müsste auch über Frank Dölker erreichbar sein (siehe Kontaktdaten Vorstand BAG).
Eine Reihe von Veranstaltungen (inkl. Bundestreffen) finden im Burckhardthaus in Gelnhausen statt und werden auch auf deren Website angekündigt.