Die Drogenszene hat sich in Frankfurt und Hamburg durch die Verbreitung von Crack massiv verändert. Diese Veränderungen haben noch keinen ausreichenden Niederschlag in den Veränderungen des Hilfesystems gefunden. An dieser Stelle sollen künftig Diskussionsbeiträge und Darstellungen über die tatsächliche Situation auf der Straße und neuere Entwicklungen aufgenommen werden.
Verlagerung der Straßenszene durch Repression und Hilfe
[md 15.02.04] Im Lauf des Jahres 2003 ist die Straßenszene zunehmend räumlich flexibler geworden. Die Aktivitäten verteilen sich inzwischen
auf das gesamte Stadtgebiet. Ein Schwerpunkt ist der Bereich innerhalb des Anlagenrings, insbesondere zwischen Konstabler-, Hauptwache und Römer. Es kommt zu Ansammlungen an den Orten, an denen Dealer vermutet werden, die sich zum Teil nur kurzzeitig zum Teil aber auch über längere Zeiträume an den verschiedenen Plätzen
aufhalten. Die konkreten Stellen sind dabei variabel und wechseln je nach Polizei- und Dealeraufkommen. Die Verlagerung auch bei den Dealern führt dazu, daß Crack und andere Drogen zumindest phasenweise in allen Stadtteilen erhältich sind. Gleichzeitig gibt es Tendenzen zur Privatisierung in weniger öffentlichen Räumen.
KonsumentInnen halten sich immer wieder für mehrere Tage kaum noch an den gewohnten Orten im Bahnhofsbereich auf. Immer wieder sind KlientInnen, bei denen wichtige Termine oder Arztbesuche anstehen, für Tage oder Wochen nicht mehr an den üblichen Punkten im Bahnhofsgebiet zu erreichen.
Der Aufenthalt in privaten Wohnungen und die Versorgungsmöglichkeit auch außerhalb des Bahnhofsbereichs macht es – im Gegensatz zu vor einem
Jahr – vielfach nicht mehr notwendig, das Viertel aufzusuchen. Bisher war klar gewesen, daß unsere KlientInnen nach dem Einkauf schnell wieder das Bahnhofsviertel aufsuchen. KonsumentInnen, die über einen längeren Zeitraum im Bahnhofsbereich nicht anzutreffen waren, hatten eine relative Distanz zur Szene gewonnen und ihre
Lebenssituation in der Regel deutlich verbessert. Diese Annahme trifft inzwischen so nicht mehr zu. Vielmehr kann ein massiver Absturz und exzessiver Konsum mit dem Verschwinden aus der Bahnhofsszene verbunden sein.
Die Veränderung führte dazu, daß wir unsere KlientInnen an den verschiedensten Stellen außerhalb des Bahnhofsgebietes suchen mußten. Im
Juni 2003 beschlossen wir als Reaktion auf das veränderte Verhalten der Szene zunächst wöchentlich den Bereich um das Sozialamt in der Berliner Straße aufzusuchen. Die Auswertung der Erfahrungen hiermit im September 2003 führte dazu, daß wir nunmehr regelmäßig den Bereich zwischen Berliner Straße und Hauptwache
aufsuchen. Die Zahl der Crack-KonsumentInnen, die wir dort antreffen, hat bis zum Beginn des Jahres 2004 weiter zugenommen. Vereinzelt suchen wir KlientInnen auch an anderen Orten des Stadtgebietes auf. Die Schwierigkeit besteht aber darin, daß diese Orte nur vorübergehend und zu unterschiedlichen Zeiten frequentiert werden.
Wir sind deshalb inzwischen gezwungen, einen großen Teil unserer gemeinsamen Arbeitszeit auch außerhalb des Bahnhofsviertels zu verbringen, um begonnene Veränderungsprozesse weiter voran zu treiben.
Die Kombination aus phasenweise verstärkter Repression und auf Grund der Kürzungen dauerhaft verringerten Hilfeangeboten erschwert im Moment
deutlich die Möglichkeiten auch des Crack-Street-Projektes zur Veränderung der Lebenssituation einzelner KonsumentInnen. Dabei fallen insbesondere diejenigen KlientInnen durch die Raster des Hilfesystems, die schon vorher kaum zu erreichen waren, da sie beispielsweise in allen Einrichtungen Hausverbot hatten. Die Anwesenheit
dieser Personen in den anderen Bereichen der Stadt scheint bisher kein besonderes Problem darzustellen. Weder von politischer, noch von polizeilicher Seite wird diese Entwicklung problematisiert, da es zu keinen klassischen Szeneansammlungen kommt. Das vermehrte Auftreten von KonsumentInnen an den verschiedensten Stellen im
Stadtgebiet scheint solange toleriert zu werden, wie diese keine Spritzen hinterlassen und durchgehend in Bewegung bleiben. Für eine positive Veränderung der konkreten Lebenssituation Einzelner stellt diese Entwicklung aber ein zentrales Problem dar.