Im Folgenden ein Text, den ich für einen Vortrag bei den Kolleg_innen der Mobilen Beratung, Zentrum für Jugendberatung und Suchthilfe für den Hochtaunuskreis (ZJS) des Vereins Jugendberatung und Jugendhilfe e.V., genutzt habe (das Handout als pdf).
Zu unserer Arbeit und Literatur etc. finden sich hier noch einige Links.

21.02.2011
Bad Homburg
M. Dörrlamm

Streetwork als Straßensozialarbeit

„Streetwork“ bezeichnet zunächst nur die Form, in der eine Arbeit (work) ausgeführt wird, nämlich auf der Straße (street). Als Teil der „Sozialen Arbeit“ muss Streetwork diese Form nach fachlich begründeten Kriterien mit einem konkreten Inhalt füllen.

Streetwork

Soziale Arbeit

Straßensozialarbeit

Das „Eindringen“ Sozialer Arbeit in die Lebenswelt stellt insbesondere auf zwei Ebenen hohe Anforderungen an die Mitarbeiter_innen. Einerseits muss die Balance zwischen Nähe und Distanz besonders reflektiert gehandhabt werden. Andererseits erfordert diese Arbeit eine besonders genaue Definition der professionellen Ziele. In der praktischen Arbeit versuchen wir immer wieder, dies mit dem Begriff der „professionellen Nähe“ klarer zu fassen. Professionelle Nähe betont dabei die Bedeutung der Beziehung zu den Klient_innen für das Erreichen der professionellen Ziele. Damit schließt es eine Entwertung der Beziehung, die häufig in der negativen Rede von der „notwendigen“ professionellen Distanz steckt, aus. Gleichzeitig betont es aber auch die professionelle Zielsetzung in der Beziehungsarbeit und verhindert damit ein Abrutschen ins einfache und hilflose Mitleiden. Die Professionalität ist die wesentliche Voraussetzung, um (sonst nicht verfügbare) Ressourcen zur Teilhabe an dieser Gesellschaft zugänglich machen zu können. Das heißt aber auch, dass die professionellen Ziele auf einer fachlichen Basis bestimmt werden müssen. Die Erwartungen der Auftraggeber stellen bei diesen fachlichen Auseinandersetzungen eine Rahmenbedingung dar. In der Sozialen Arbeit wird häufig unreflektiert, also ohne deutliche Unterscheidung von Geldgeber und „Kunden“, vom „Auftrag“ geredet. Dieser wird uns weder von den einen noch von den anderen unmittelbar erteilt. Erst die fachliche Auseinandersetzung mit den Vorstellungen beider Seiten ermöglicht es, eine klare Position in bezug auf die (eigenen) professionellen Ziele zu entwickeln.

Konkret:

Für die Arbeit mit unterschiedlichen Gruppen von Jugendlichen, die mehr oder weniger Drogen konsumieren, stellen sich aus verschiedenen Perspektiven Fragen:

Auftraggeber:

Träger:

Mitarbeiter_innen:

Die Vorstellungen von Politik und Verwaltung sind in aller Regel recht ungenau und variieren auch zwischen den einzelnen Akteuren (Parteien, Personen, Hierarchieebenen etc.) Entsprechend unklar sind die Vorgaben für die konkrete Arbeit. Häufig werden diese unklaren Vorgaben trotzdem einfach an die Mitarbeiter_innen weiter gereicht. Entsprechend müssen wir auf der Arbeitsebene auf der Basis fachlicher Überlegungen die ganzen Fragen neu stellen und beantworten. Diese inhaltlich wichtigen Positionen müssen dann auch nach außen vertreten werden – gegenüber der eigenen Hierarchie, hierüber auch gegenüber den Auftraggebern und je nach Arbeitssituation auch gegenüber der Öffentlichkeit. Diese Klärung trägt nicht nur zum Abbau unrealistischer Erwartungen bei, sondern ist vor allem für die Professionalität der tagtäglich zu leistenden Positionierung in der unmittelbaren Klientenarbeit notwendig**. Die Antworten können angesichts der Vorläufigkeit des Wissens über die Zielgruppe und der gesellschaftlichen Veränderungen grundsätzlich nur vorläufig sein und müssen im Rahmen der Fortschreibung von Arbeitskonzeptionen immer wieder reflektiert, ergänzt und korrigiert werden.

Definitionen der Zielgruppe können über

Schwerpunktsetzungen erfolgen.

Insbesondere die Frage des möglichen Zugangs kann die konkrete Arbeit grundsätzlich beeinflussen. Bei vorher unbekannten Cliquen wird hierfür in der Literatur häufig von einem Zeitraum einem Jahr (gelegentlich bis zu 2 Jahren) ausgegangen. Gleichzeitig führt der verbesserte Kontakt zu einer neuen und genaueren Kenntnis von Lebenssituation und eventuellen Problemlagen. Deshalb muss die Definition von Zielgruppe und professionellem Ziel immer wieder neu überprüft und korrigiert werden. Dabei muss auch im Blick behalten werden, welche anderen Treffpunkte, Zielgruppen, Problemlagen etc. es in der Umgebung gibt und was mit den Jugendlichen passiert, wenn sie nicht mehr im Zentrum unseres Interesses stehen.




Links:

Eine knappe Darstellung der Arbeit von WALK MAN findet sich hier, ausführlichere Arbeitsberichte hier. Das Crack-Street-Projekt wird hier beschrieben (Arbeitsberichte). In die Berichte beider Projekte wurde vor Jahren der Text "Streetwork ist Arbeitsmittel, nicht Arbeitsinhalt" aufgenommen. Ein kurzer Abriss der Entwicklung von WALK MAN findet sich im Vortrag für die "Aufsucher" des Hochtaunuskreises, alles weitere unter www.doerrlamm.de.
Als bundesweiter Zusammenhang hat die BAG Streetwork/Mobile Jugendarbeit schon vor einigen Jahren die Standards der Arbeit beschrieben und 2007 noch einmal bestätigt.



Anmerkungen:

* Ich benutze die Bezeichnung „Sozialarbeiter_innen“ als Kurzform für in der Sozialen Arbeit tätige Menschen. Trotz der (früher) unterschiedlichen Schwerpunkte in der Ausbildung für Sozialarbeit und –pädagogik hat die Arbeit in diesem Feld immer Aspekte beider Richtungen zu berücksichtigen. Ressourcen zugänglich zu machen ist nur möglich, wenn die „Anpassungsleistungen“ sowohl durch pädagogisches Einwirken auf der Seite der Klient_innen als auch durch administratives Handeln auf der Seite der gesellschaftlich bereit gestellten Ressourcen stattfinden.

** Die Möglichkeit einer gelingenden Sozialen Arbeit hängt also ganz entscheidend davon ab, ob der Träger fragt „Wie können die Erwartungen der Auftraggeber erfüllt werden?“ oder „In welcher Form sollen die (oder Teile der) Erwartungen der Auftraggeber erfüllt werden?“
Ersteres führt dazu, dass die Mitarbeiter_innen mit unprofessionellen und fachlich falschen Erwartungen in eine besonders unsichere Arbeitssituation, nämlich „auf die Straße“, geschickt werden. Letzteres erfordert (auch) vom Träger eine fachliche Positionierung gegenüber den Auftraggebern, die eine sinnvolle Arbeit erst möglich macht und versucht, überzogene Vorstellungen von der Wirksamkeit Sozialer Arbeit zu relativieren – ohne ihr die Basis zu entziehen.